Was wilde Kerle lesen

Wie Sozialisation geht, erklärt der »Kinder-Spiegel«: »Hört ein Mädchen immer wieder, wie süß es mit Kleidchen und Glitzerhaarspangen aussieht, wird es sich wahrscheinlich öfter so anziehen und sich Freundinnen mit Kleidchen und Glitzerspangen aussuchen. Später interessiert sich diese Mädchenclique dann vielleicht eher für Einkaufsbummel und Romane als für Fahrradreparaturen und Naturwissenschaften.« Die Werbebeilagen meines Wochenendblättchens empfehlen den derart Sozialisierten: das 111teilige Kinderschminkset mit Glitzergarantie für die Prinzessin-Lillifee-Groupies oder aber den Bausatz für den kleinen Kran-, Traktor- und Eisenbahn-»Tüftler«. Auf der nächsten Seite die jeweils passenden Klamotten. Wer seine Tochter nicht als rosa Sahnebonbon rumlaufen lassen will, hat es schwer.

Kinder-, Jugend- und Schulbuchverlage beteiligen sich eifrig am profitablen Backlash. Pons, renommierter Fremdwörterbuch- und Lernhilfenanbieter, macht sich mit grottenschlecht lektorierten Übungsdiktaten lächerlich (»Nina zieht in der Halloweennacht mit seinen (sic) Freunden von Haus zu Haus.«) und verbreitet klischeeüberfrachtete Rollenbilder. Motto: »100 Aufgaben, die Jungs wirklich begeistern«, denn: »Jungs lernen einfach anders!« Deshalb ist die Figur der Hexe in den Mädchentexten auch ein liebes Wesen, das heiter durchs Leben geht, während sie in den Jungentexten böse und machthungrig ist, weshalb sie von einem guten Zauberer getadelt und von einem Monster verschleppt wird.

Hexen spielen in den Büchern des Erfolgsautors Thomas Brezina ebenfalls eine Rolle. Thematisch bringt er kaum etwas anderes als die seit nunmehr dreißig Jahren laufende Bibi Blocksberg-Hörspielreihe. In seinem neuesten Fließbandwerk Ups, ein Hexenbaby! in der Reihe No Jungs! (Schneiderbuch) geht es um die Schwierigkeiten des Babysittens, einer offenbar ausschließlich weiblichen Tätigkeit. Doch anders als bei ähnlichen Abenteuern der Blocksberg-Hexe, die auch von Jungen gehört werden (dürfen), heißt es schon auf dem Cover der Brezinaschen Ergüsse, daß Jungs Pickel bekommen, sollten sie auch nur einen Blick in dieses »Mädchenbuch« werfen. Ob das den gleichen Reiz des Verbotenen auf die Jungs von heute ausübt wie der verschlossene Bücherschrank im biedermeierlichen Elternhaus der entrechteten Mädchen des 19. Jahrhunderts, ist zu bezweifeln. Brezinas Welt ist nach den Schwarzweißmustern der schlechtesten Kinderbuchproduktion aufgebaut: Es gibt den fiesen Aushilfsschuldirektor, die nervigen kleinen und großen Brüder, den sadistischen Nachbarn, der die niedlichen sprechenden Tiere vom Tierfänger abholen lassen will. Gegen diese bitterbösen (allesamt männlichen) Mitmenschen ziehen die Junghexen Lilli und Tinka in den Kampf für das Gute, Schöne und Aufrechte. Mit den Problemen der Realität brauchen sie sich dank Zauberkraft nicht auseinanderzusetzen. Läuft etwas schief, wird einmal in die Hände geklatscht, und alles ist gut.

Eine ebenfalls nach dem Ausschlußprinzip konzipierte Reihe desselben Autors mit dem Titel Hot Dogs war anscheinend nicht so erfolgreich und wurde 2007 nach nur sieben Bänden nicht weiter fortgeführt. Vielleicht setzt sich Ministerin Köhler mal dafür ein, daß den Jungs Bücher wie Schwestern und andere Außerirdische oder Gute Noten sind gefährlich (Spaß am Lernen ist schließlich Mädchensache) erhalten bleiben. Der Verlag warnt weibliche Wißbegierige vor diesem Lesestoff, da er »Geheimnisse enthält, die sich Mädchen nicht einmal in den schlimmsten Albträumen vorstellen können«. Womit wir beim Chefaufklärer Jean-Jacques Rousseau und seinem »Erziehungsroman« Emile (1762) angekommen wären. Darin forderte er nämlich, die natürliche kindliche Neugier insbesondere bei Mädchen und jungen Frauen abzutöten, »da sie klug genug sind, um Geheimnisse, die man ihnen verbirgt, zu ahnen, und weil sie schlau genug sind, sie zu entdecken«. Der Aufklärer hielt Frauen also für gefährlich. Nicht viel zu befürchten hätte er allerdings von den »streng geheimen Infos«, die der im wahrsten Sinne exklusive »No-Jungs-Club« verspricht, wenn sich Klein-Anna-Sophie auf der Schneiderbuch-Website als Mitglied anmeldet (und dafür einen Band der Reihe gratis bekommt). Weil sich die Verkaufszahlen so glänzend entwickeln, kommt dieses Jahr der aufwendig beworbene »Kicherhexen-Club« auf den Markt, damit man auch noch die Erstleserinnen resp. ihre Eltern als zahlende Kundschaft einfängt. Diese neue Reihe funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie ihre Vorgängerin, nur die Syntax ist heruntergeschraubt. Hauptsätze, Hauptsätze, Hauptsätze – als ob Konditionalsätze erst frei ab 12 wären.

So wie aus den »Bravo«-Leserinnen der fünfziger Jahre brave »Bunte«-Leserinnen wurden, ist zu erwarten, daß aus den No Jungs-Leserinnen einmal Leserinnen der »Shopaholicerin« Sophie Kinsella (Prada, Pumps und Babypuder) werden. Oder, wenn’s denn unbedingt Hexen sein müssen, können sie auch nahtlos mit dem Hexen-Liebesschund der Amerikanerin Annette Blair weitermachen. Nicht viel besser als der No Jungs-Hexenwahn sind die Leselöwen-Bände Wilde Heldinnen und Wikinger, Piraten und andere wilde Kerle (Loewe), die ebenfalls ausdrücklich »nur für starke Mädchen« bzw. »starke Jungs« gedacht sind. Und auf der Website des Carlsen-Verlags kann man gezielt nach Büchern »eher für Mädchen« oder »eher für Jungs« suchen.

Auch für den engagierten elternzeitbegeisterten Vater von heute ist gesorgt: Mit der Vorlesereihe Papa und Max erzählen sich was (Esslinger-Verlag) können Erzeuger ihren kleinen Stammhaltern mit extra für das männliche Geschlecht zugeschnittenen Geschichten über Ritter und Räuber die Welt erklären. Denn: Früh übt sich, und mit der geschlechterungerechten Sozialisation kann man gar nicht früh genug anfangen.

zuerst veröffentlicht in »konkret« 6/2010

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