Letzte Nacht in Twisted River

John Irving: Letzte Nacht in Twisted River. Aus dem Englischen von Hans M. Herzog. Diogenes, Zürich 2010, 736 Seiten, € 26,90

»Dieses Arschloch-Land!« brüllt der einsiedlerische Flößer Ketchum seinem Freund Cookie am Telefon ins Ohr. Abgesehen von dieser und ähnlichen Äußerungen des Anarchisten Ketchum, einigen überflüssigen Bemerkungen der trinkstarken Sixpack-Pam über den 11. September und der gebetsmühlenartigen Wiederholung des Umstands, daß Cookies Sohn Danny nicht nach Vietnam mußte, weil seine Freundin sich, um genau dies zu erreichen, von ihm schwängern ließ, ist das politische Geschehen der erzählten Zeit (1954 bis 2005) hier – nicht untypisch für den Autor – ausgespart.

Was die »FAZ« nicht daran hindert, in John Irvings Neuling sein »bisher politischstes« Werk zu erkennen – und ebendies zu bedauern. Richtig ist: So schwach wie Letzte Nacht in Twisted River war bisher keiner seiner Romane. Dabei spart der Autor nicht mit den üblichen Komponenten: Bären, verrückte Hunde, übergroße, meist ältere Frauen, mit denen die Protagonisten Sex haben, und jede Menge »Unfälle« (O-Ton Cookie) mit Todesfolge. Jedoch – vom Tod eines für den Job noch viel zu jungen Hilfsflößers auf den ersten Seiten bis zu Ketchums Dahinscheiden am Ende der Geschichte – die Figuren sind seltsam konturlos, ihr Leben und Sterben zieht sich zäh und zuweilen unappetitlich dahin. Bis zum Schluß bleibt eine Distanz zwischen Leserin und Figuren bestehen. Man fragt sich, wo die mitreißende Tragikomik von Irvings früheren Geschichten geblieben ist. Wo ist das Gefühl, nicht weiterlesen zu können allein aufgrund der Ahnung, der Autor werde eine Figur, die man ins Herz geschlossen hat, bald sterben lassen? Irving hätte besser weniger übers Schreiben geschrieben und dafür mehr Energie in das Erzählen, das Ent- und Verwickeln von Geschichten und Figuren, stecken sollen.

Die Reflexionen des erfolgreichen Schriftstellers Danny über seine Romane können einmal mehr als die Reflexionen seines Erfinders gelten: Seine »Geschichten handelten ausnahmslos von kleinen, häuslichen Tragödien – keine einzige verurteilte die Gesellschaft insgesamt oder eine spezifische Regierung. In Danny Angels Romanen war der Bösewicht … häufiger die menschliche Natur als die Vereinigten Staaten.« Wenn man damit leben kann, kann die Irving-Lektüre ausgesprochen fesselnd sein. Nur nehme man statt seines neuesten Werks lieber das mit dem Apfel auf dem Cover oder jenes mit dem roten Kleid – in denen sogar die Vereinigten Staaten öfter mal der Bösewicht sind.

zuerst veröffentlicht in »konkret« 9/2010

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