Kommerz für Tiere

Die neueste vegane Sekte nennt sich Anonymous for the Voiceless (AV) und macht seit zwei Jahren international mit ihren »Cube of truth«-Aktionen auf sich aufmerksam. Aktivistinnen und Aktivisten stellen sich mit den durch die Occupy-Bewegung berühmt gewordenen Guy-Fawkes-Masken in Würfelform auf und halten Notebooks oder Tablets vor sich, auf denen Videos aus Schlachthöfen, Pelztierfarmen und Bio-Hühnerställen laufen, andere halten Schilder mit der Aufschrift »Truth« oder »Wahrheit« hoch. Die bisher größte Aktion fand Ende Juni auf dem Berliner Alexanderplatz statt und dauerte 24 Stunden.

Asal Alamdari und ihr Partner Paul Bashir haben sich das Projekt, dessen Facebook-Seite rund 100.000 Likes hat, unter den Nagel gerissen, ihre früheren Kompagnons rausgeschmissen und posieren auf ihren Facebook-Profilen für ihren AV-Merchandise. Allein für ihren 24-Stunden-Cube haben sie Spenden in Höhe von über 3.000 Euro erhalten. Was mit dem Geld passiert, weiß allerdings niemand so genau. Bei den Ortsgruppen kommt es jedenfalls nicht an. Bei Facebook gibt sich die Organisation als gemeinnützig aus, in ihrer australischen Heimat haben Bashir und Alamdari AV als Gewerbe eintragen lassen. Rechenschaftsberichte, Jahresabschlüsse? Fehlanzeige. Ihren Fans ist das egal, die verehren und verteidigen die beiden, wie man es von Anhängern kultischer Gemeinschaften kennt, und jubeln über »Bekehrungserfolge« durch die Cubes. Ehemalige Mitglieder berichten von Kasernenhofatmosphäre, Schikane, Diskriminierung und Menschenhass.

Bashir feiert Gary Yourofsky, einen der Päpste der Vegan-Bewegung, der Pelzträgerinnen wünscht, brutal vergewaltigt zu werden, und hat dessen »Werte« für sich übernommen. Er ist außerdem überzeugt, dass der »Tier-Holocaust« schon aufgrund des Zahlenverhältnisses ein größeres Verbrechen darstelle als die Vernichtung der europäischen Juden durch die Nazis. Das Credo lautet, wie so häufig in der Szene: vier Beine gut, zwei Beine schlecht. Überdeutlich machte Bashir diese Einstellung mit einem Meme, das er auf Facebook teilte: »Warum Tierversuche, wenn die Gefängnisse voll mit Pädophilen sind?« Zwar erntete er dafür Kritik und musste das Posting bald von der AV-Seite löschen. Während einer Fragestunde in Berlin hat er seinen Wunsch, Mörder, Vergewaltiger und Pädophile als Versuchskaninchen zu missbrauchen, jedoch noch einmal bekräftigt. Die große Hauptsache-für-die-Tiere-Fraktion innerhalb der Szene beweist damit erneut, wie kompatibel Tierliebe und Menschenhass sind.

zuerst veröffentlicht in »konkret« 8/2018

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