Veganismus in der Krise? Querfrontaktivisten und Rechte für Tiere

Der Text beruht auf einem Vortrag, den ich am 16. November 2017 an der Freien Uni Bamberg gehalten habe.

Dieser Beitrag soll Aufklärung und Informationen darüber liefern, welche rechten Umtriebe es in der veganen Szene gibt, warum praktisch niemand aus der Szene darüber spricht und welche strukturellen Probleme aufscheinen. (Szene muss hierbei ein Behelfsbegriff sein, da es „die vegane Szene“ oder auch „den Veganismus“ nicht gibt. Wenn ich von „Veganer/innen“ spreche, dann sind damit nicht alle gemeint, aber eben ein beachtenswerter Teil, der, egal wie groß oder klein er sein mag, öffentlich wahrgenommen wird und mit dem man sich auseinandersetzen muss.)

Welcher Veganismus ist gemeint?

Was ist von dem Veganismus, wie er einem in Online-Foren, Veggie-Zeitschriften und auf der Straße begegnet, zu halten? Befindet sich der Veganismus überhaupt in einer Krise? Oder zeigt er in seiner jetzigen Ausformung als kapitalismuskompatibles Lifestyleprodukt nur sein wahres Gesicht?

Reicht eine Ernährung, die frei von Tierprodukten ist, um sich als Veganer/in zu bezeichnen? Die meisten Veganer/innen würden sagen nein. Denn es handelt sich für viele um eine Lebens- statt bloß um eine Ernährungsweise. Weltanschauliche Aspekte spielen bei der Entscheidung für eine vegane Lebensweise eine große Rolle und die Gründe sind meist eine Mischung aus ethischen, ökologischen und gesundheitlichen Aspekten, wobei der ethische, die Empathie für „nichtmenschliche Tiere“, überwiegt.

Es geht mir nicht um die gesundheitsbewussten Lifestyle-Veganer, die in gentrifizierten Stadtvierteln ihren Latte Macchiato mit Sojamilch trinken, auch wenn sie in der Masse wahrscheinlich die Mehrheit bilden. Es geht um die im weitesten Sinne politischen Veganer, ihre Beweggründe und die Problematik, die sich in der großen Hauptsache-für-die-Tiere-Fraktion manifestiert.

Ich möchte mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner beginnen, einer Definition von Veganismus, der die meisten seiner Anhänger/innen zustimmen dürften. Jesse-Björn Buckler hat 2008 in der Jungle World „Ein Plädoyer für einen linksradikalen Veganismus“ veröffentlicht und liefert dort folgende Definition:

„Vegan zu leben bedeutet, sich nicht an der Gewalt zu beteiligen, die Tieren angetan wird, nicht den Auftrag zu geben, Tiere zu töten oder anderweitig von ihren Qualen zu profitieren. Das Argument der Veganer besteht in der größtmöglichen Minderung und schlichten Vermeidung von vermeidbarem Leiden.“

Vermeidbares Leiden zu vermeiden – das ist eine einfache und nachvollziehbare Formel, nach der man hierzulande in der Tat relativ problemlos leben kann. So einfach bleibt es aber nicht, denn im Veganismus steckt ein ideologischer Gehalt, der in weiten Teilen fragwürdig ist und der Analyse bedarf. Um die Schattenseiten der veganen Idee soll es im Folgenden gehen.

Kuschelveganismus oder Spaltung?

Das erste Mal habe ich festgestellt, wie unkritisch weite Teile der veganen Szene gegenüber fragwürdigen Elementen sind, als ich vor einigen Jahren meine Freundesliste bei Facebook ausgedünnt habe mit dem Hinweis, dass, wer etwa den Euthanasie-Befürworter Peter Singer, den Rechtsesoteriker Rüdiger Dahlke, den Verschwörungsideologen Ken Jebsen oder die von Jebsen-Jüngern geführte Gruppe Das vegane Zeitalter gut findet oder unterstützt, sich entfernen oder – im besseren Falle – kritisch mit deren Inhalten auseinandersetzen möge. Ich schrieb damals: „Diskriminierende Äußerungen, die menschenverachtend, zum Teil offen rechts, antisemitisch, xenophob, (rechts)esoterisch, antiemanzipatorisch und/oder sexistisch sind, will ich nicht billigen. Es kann keine Lösung sein, solche Gesinnungen mit dem Argument zu tolerieren, dass es in der Hauptsache schließlich um die Tiere gehe. Bei weitem nicht alles, wo vegan, Tierschutz oder Systemkritik draufsteht, ist zu befürworten.“

Was folgte, war ein einzelnes Dankeschön für den Hinweis – und ein Shitstorm: Wie ich es wagen könne, die Szene zu spalten und den aufopferungsvollen Tierfreunden solche Dinge zu unterstellen.

Bei mir folgte eine erste Ernüchterung und die Frage, wie es sein kann, dass Menschen, die für Tiere so viel Empathie aufbringen können, kein Verständnis davon zu haben schienen und auch an keinerlei Aufklärung interessiert zu sein schienen, an welche Tierfreunde und Menschenhasser sie da ihre Likes verteilt hatten. Respekt vor menschlichem Leben und die Würde des menschlichen Lebens schienen in ihren Augen weniger relevant zu sein, solange es für die Sache der Tiere ein Gewinn war. Nach der Devise: Hauptsache homogen nach innen und außen, Hauptsache keine Konflikte austragen, Hauptsache für die Tiere.

Meine Schlussfolgerung kann daher nur lauten: Spaltung? Ja bitte!

Nicht links, nicht rechts? – Was ist die Querfront?

Unter Querfront versteht man die Übernahme von als genuin links wahrgenommenen Themen durch Rechte und/oder Rechtsextreme, die diese Themen nicht nur besetzen, sondern sich aktiv in linken Zusammenhängen beteiligen, die Zusammenarbeit suchen bzw. ihr rechtsextremes Gedankengut mit linksextremen Positionen zu verbinden suchen. Zur Querfrontstrategie gehört die Verschleierung rechter Inhalte durch beliebte, „weiche“ Themen wie Tierschutz, von denen sich viele Menschen angesprochen fühlen. Über diese Themen können dann leichter nationalistische, völkische Inhalte transportiert werden. Wer davon profitiert, sind immer die Rechten, weil – mindestens – Teile ihrer menschenfeindlichen Ideologie damit für Linke denkbar, sagbar werden. Ein eingängiges Beispiel für diese Strategie ist die Formel „Tierschutz ist Heimatschutz“ der NPD. Rechte erkennt man nicht (mehr) am Äußeren, sondern an ihren Äußerungen.

Umgekehrt verwenden auch Leute, die sich als links verstehen, zum Beispiel rechten Sprachduktus, ohne sich dessen unbedingt bewusst zu sein. Gesprochen wird auch von einer Auflösung von links und rechts, da diese politischen Einteilungen nicht mehr zeitgemäß und überwunden seien. Allen gemeinsam ist ein antisemitistisches Moment, das mehr oder weniger offensichtlich durchscheint. Antisemitismus braucht heutzutage gar keine realen Juden, es genügt die Abstraktion des „Jüdischen“.

Anetta Kahane, Vorstandsvorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, fasste die unterschiedlichen Antriebe und die eine stets präsente Gemeinsamkeit in der „Berliner Zeitung“ folgendermaßen zusammen:

„Den Rechten gefällt das autoritäre Menschenbild der Hamas, für sie sind es stolze Nationalisten, die wissen wo Frauen, Kinder, Schwule und Juden hingehören. Was treibt Linke in diese antiemanzipatorischen Arme? Ihre Version von Anti-Imperialismus mit seinen Ungerechtigkeiten. So sehen das auch viele Antirassisten. Der Gaul Antikapitalismus auf seinen antisemitischen Beinen muss sie nun alle tragen: religiöse Fundamentalisten, Linke, Nazis, Neurechte und so manche Aktivisten gegen Rassismus.“

Zahlreiche Informationen zur Querfront und ihren Ausformungen hat das Watchblog „Belltower-News“ der Amadeu-Antonio-Stiftung (früher „Netz gegen Nazis“) zusammengetragen.

„Ich bin Veganer Stufe fünf“: Veganismus als Religion

Selbsterhöhung durch Verzicht und missionarische Elemente des Veganismus

In der Simpsons-Folge „Lisa als Baumliebhaberin“ trifft die Vegetarierin und Umweltschützerin auf einen jungen Aktivisten, der von sich sagt: „Ich bin ein Veganer Stufe fünf – ich esse nichts, was einen Schatten wirft.“ In der Übertreibung des Drehbuchs steckt ein nicht zu leugnender wahrer Kern: Viele Veganer/innen begreifen sich als moralisch wertvollere Menschen, weil sie etwas erkannt hätten, woran es anderen mangele. In der Abgrenzung zu Fleischessern, Vegetariern, Flexitariern und Pseudoveganern, die nicht darauf achten, ob das Etikett ihres Mandelmus auch mit kaseinfreiem Kleber angebracht worden ist, finden sie eine Erhöhung des Selbst. Über der Frage, wer am vegansten ist, verliert sich jeder politische Inhalt. Und das Dogma, sein Leben nach der veganen Lehre auszurichten, ist wichtiger als etwa die Auseinandersetzung mit den wirtschaftlichen Prämissen, denen auch der Veganismus unterworfen ist. Widersprüche der Gesellschaft lösen sich in der Lehre auf, denn wenn erst mal alle vegan sind, werden automatisch alle anderen Probleme gelöst sein.

Veganismus dient als moralische Instanz mit einer Unhintergehbarkeit, die richtig und falsch durch Ge- und Verbote definiert und an die man Verantwortung und Entscheidungen abgeben kann. Dabei gilt: Je mehr Verbote, desto besser und desto höherwertiger ist der Gläubige. Das macht das Leben leichter und übersichtlicher und hat den Nebeneffekt, dass man sich als Teil einer selbstgeschaffenen Elite begreifen kann. Alle, die nicht vegan sind, werden wahlweise infantilisiert (sie wissen es nicht besser, haben die eigene Stufe der Erkenntnis noch nicht erreicht), missioniert (höret die Botschaft) oder verachtet (sie sind unser nicht würdig, mit denen wollen wir nichts zu tun haben). Schlimmer noch trifft es Fleisch-, Milch-, Wollproduzenten, Jäger/innen und sonstige Tierausbeuter/innen, die genau wissen, was sie tun. Sie werden gleich ganz aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen und zum Abschuss freigegeben. Da scheint ein altbekannter Antagonismus auf: „wir“ gegen „die“.

Damit einher geht eine fatale Götzenanbetung: der Wunsch nach Anleitung und einer Instanz, die einem unmissverständlich sagt, was richtig (wahr) und was falsch ist. Beispiele für diese Bewunderung finden sich in verschiedenen Kontexten und mit unterschiedlichen Gewichtungen von Teilaspekten der Lehre. Es sind auffällig viele Männer, die diese Götzenfunktion übernehmen, obwohl schätzungsweise 80 Prozent der Veganer/innen weiblich sind. Der Vegankoch Attila Hildmann wird von zahlreichen weiblichen Fans trotz seines offensichtlichen Sexismus verteidigt. Der Esoterik-Arzt Rüdiger Dahlke ist vor einiger Zeit ebenfalls auf den lukrativen Vegan-Zug aufgesprungen und veröffentlicht nun jedes Jahr mindestens ein Bestseller-Kochbuch unter seinem Label „Peace Food“. Was der Rechtsesoteriker sonst noch absondert, von Lichtnahrung über Reinkarnationstherapie bis zu kruden Theorien über Krankheitsursachen, wird entweder ignoriert oder es passt ohnehin ins vorhandene Weltbild. Und Kapitän Paul Watson, Gründer der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd, der mit seiner Crew militante und pressewirksame Aktionen gegen Walfänger unternimmt, wünscht sich eine Dezimierung der Weltbevölkerung auf maximal eine Milliarde Menschen und wird dafür gefeiert.

Missionarische Elemente und ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein spielen ebenfalls eine Rolle. Der Veganismus wird als Heilsversprechen für eine friedliche Zukunft imaginiert, in der es keine Kriege mehr gibt, sobald es keine Schlachthäuser mehr gibt – eine sehr schlichte Erklärung für komplexe Zusammenhänge.

„Zurück zur Natur“ – Die Problematik des Natürlichkeitsarguments und der ideologische Gehalt des Veganismus

Vor einiger Zeit gab es in einer vernünftigen veganen Skeptikergruppe bei Facebook eine Diskussion darüber, warum gerade Akademiker so offen sind für Pseudomedizin („alternative“ oder „natürliche“ Heilverfahren, die als „schonend“ wahrgenommen werden; häufig konnotiert mit einer langen Tradition wie etwa bei der 200 Jahre alten Homöopathie oder der Traditionellen Chinesischen Medizin), Impfgegnerschaft usw. Aufhänger war eine „Aussteigerfamilie“, die im Internet für eben jene Pseudomedizin wirbt, ihre Kinder nicht impfen lässt und andere dazu bewegen will, ihrem Weg zu folgen. Ihre Reichweite mag relativ gering sein, aber es handelt sich um ein Beispiel unter vielen und in der Summe sind sie durchaus gefährlich. (Die Familie will mit ihrer Mission übrigens auch Geld verdienen und bietet fragwürdige teure Coachings in Sachen Ernährung und Kindererziehung an; Optimierung und Natürlichkeit sind Schlüsselworte.)

Es wurde in der Gruppe die These aufgestellt, dass diese Leute aus einem Überlegenheitsgefühl und falsch verstandener Skepsis heraus meinen, etwas erkannt zu haben und deshalb bestimmte Dinge ablehnen oder anders machen (wollen), auch, weil sie es sich (finanziell und intellektuell) leisten können – sich und ihre Kinder vegan zu ernähren, Kleidung aus Biobaumwolle zu kaufen, Naturkosmetik statt Erdöl-Shampoo zu verwenden –, während weniger gebildete Leute mehr der Autorität von Ärzten und Wissenschaftlern vertrauten (was auch nicht in jedem Fall wünschenswert ist). Diese Grundhaltung, das Sich-überlegen-Fühlen, steckt auch im Veganismus, und deshalb passt beides so gut zusammen und ergänzt sich. Dabei wird alles, was seit Jahrzehnten medizinischer Konsens und gut belegt ist (Antibiotika sind – sinnvoll angewendet – besser als Globuli, und Impfen rettet Leben, ja!), in Frage gestellt. Ja, die wissenschaftliche Medizin macht Fehler, teils gravierende – Stichwort Contergan. Aber sie pauschal zu verunglimpfen und stattdessen jedem dahergelaufenen Alternativprediger unhinterfragt seine „Wahrheit“ zu glauben, ist unverantwortlich, gerade wo es um Kinder geht, die (noch) nicht für sich selbst einschätzen und entscheiden können, welche Therapie die beste ist.

Wer mit „Natur“ argumentiert, gelangt schnell auf reaktionäre Pfade, und es ist nur ein kleiner Schritt zum Sozialdarwinismus. Die pauschale Überhöhung der Natur und „alten Wissens“ führt nahezu zwangsläufig zu einer Ablehnung moderner Medizin („Impfskepsis“), Agrartechniken (Verteufelung von „Kunstdünger“) usw.

Das Tier als Teil der Natur repräsentiert in der Idealisierung das Natürliche, Wertvolle, Gute, Bessere, Erhabene, Authentische, Unschuldige und Ursprüngliche. Konnotiert sind mit ihm Reinheit, Arglosigkeit, Friedfertigkeit.

Der Mensch steht diesem Bild diametral entgegen und ist dank Moderne, Zivilisation und Kulturerrungenschaften von der Natur total entfremdet. Er wird als degeneriert, verderbt, egoistisch und als störendes Element wahrgenommen, das, wenn nicht eliminiert, so doch zumindest dezimiert werden muss. Zudem schwingt hier ein altes antisemitisches Ressentiment mit – „der Jude“ als antagonistisches, zerstörerisches Prinzip, das die „heile“ arische Welt bedroht und vernichten will. Freilich sagen heute selbst Nazis nicht mehr „der Jude“, sondern es werden bestimmte sprachliche Codes verwendet (etwa: das internationale Finanzkapital, die amerikanische Ostküste oder, recht unverschlüsselt: die Zionisten).

Zwischen Tier und (Kultur-)Mensch steht die „Projektion vom edlen Wilden und seiner natürlichen Lebensweise“ (Peter Bierl). Der Wunsch nach der Wiederherstellung eines Zustands, in dem der Mensch „im Einklang mit der Natur“ lebt, und die Sehnsucht nach dem „einfachen“ Leben sind omnipräsent. Gesellschaftliche Widersprüche gibt es in „der Natur“ nicht, lediglich „Naturgesetze“, die auf wundersame Weise alles regeln und im Gleichgewicht halten. Damit einher geht nach Bierl das „Einebnen der Unterschiede zwischen Mensch und Tier als geistige Vorbereitung für die Vernichtung von Menschen“. Und weiter:

„Die zentrale Botschaft ist hierarchisch und antidemokratisch: Das Individuum hat sich einer spirituell/religiös aufgefassten Ganzheit zu unterwerfen (‚Du bist nichts, Dein Volk ist alles!’). Anstelle von Konflikten, die auf sozialen/politischen Gegensätzen beruhen und damit historische Entwicklung und Veränderung ermöglichen, wird Harmonie gepredigt und erzwungen. Nicht Kapitalverwertung und Profitmaximierung, der Staat, rassistische und sexistische Gewaltverhältnisse sind die Ursachen von Ausbeutung und Unterdrückung, sondern unterschiedslos wird der Mensch zum Feind erklärt. Die Lösung ist deshalb nicht antikapitalistischer, antirassistischer oder antipatriarchaler Kampf für eine herrschaftsfreie Gesellschaft, sondern innere Umkehr und Rettung der verklärten Mutter Erde.“

Veganismus und rechte Esoterik

Von Rüdiger Dahlke war bereits die Rede. Der Mediziner, der in Deutschland keine Zulassung hat und Anhänger der Germanischen Neuen Medizin ist, empfiehlt Krebspatienten „(ihr) Bett um(zu)stellen“ um die Wirkung schädlicher „Erdstrahlen“ zu vermeiden. Mit der rechtsesoterischen Reinkarnationstherapie betreibt er Täter-Opfer-Umkehr (Victim Blaming), indem er behauptet, dass Kinder, die Missbrauchserfahrungen machen mussten, hieran mitschuldig seien, da sie in einem früheren Leben selbst Täter gewesen sein müssen und dies nun der Preis sei, den sie für das Verhalten ihres „früheren Ich“ zu zahlen hätten.

Die Reinkarnationstheorie ist außerdem ein Mittel, um Juden eine Mitschuld an ihrer Verfolgung und Ermordung zuzuschieben, denn in früheren Leben müssten sie ja notwendigerweise Schuld auf sich geladen haben, sonst wären sie nicht von der Shoa betroffen gewesen. (Ausführlich dazu: Heike Dierbach, Des Karmas willige Vollstrecker, in: konkret 3/2013, S. 48 f.)

Dahlke bezog sich im September 2016 auf seiner reichweitenstarken Facebook-Seite auf einen Artikel des FPÖ-nahen Drecksblatts „Wochenblick“, in dem von einem immensen Anstieg der Kriminalitätsrate durch Migranten in Linz berichtet wurde. Panikmache mit falschen Zahlen ist eine beliebte Strategie von Rechten. Selbst wenn solche Meldungen nachträglich richtiggestellt werden, bleibt bei vielen hängen: Flüchtlinge sind kriminell – und deshalb: Ausländer raus!

Und wo ist die Schnittstelle zur Ernährungsideologie? Dahlke geht davon aus, dass es zwischen Fleischkonsum und Angststörungen einen Zusammenhang gibt:

„Sobald wir aufhören, die Angst- und Stresshormone der Schlachttiere zu essen, werden wir bereits große Erleichterung verspüren, denn inzwischen leiden große Teile der Bevölkerung unter Angst. Panikattacken sind ein relativ neues Symptom, von dem vor gut 30 Jahren bei insgesamt geringerem Fleischkonsum und vorzugsweise dezentralisierter Schlachtung in kleinen Metzgereien noch gar keine Rede war. Erst mit der Umstellung auf Großschlachthöfe hat es die moderne Welt erobert. Mit dem Fleisch gequälter Kreaturen aus Tier-Zucht-Häusern bekommen wir auch deren Elend und die Energie der Folter mit ab, die sie erlitten haben auf ihrem oft entsetzlichen Weg bis in menschliche Bäuche. Von dort gelangen all diese Energien ins Fleisch der Esser.

Rüdiger Dahlke, Peace-Food. Wie Verzicht auf Fleisch und Milch Körper und Seele heilt

Diese Melange ist äußerst gefährlich. Denn wer glaubt, dass die „Energie“ eines Wesens in ein anderes durch Verspeisen übergehen könne, der ist vielleicht auch offen für die Idee, dass ominöse Erdstrahlen etwas mit der Krebserkrankung zu tun haben. Und den Krebs hat man laut Dahlkes Bestseller Krankheit als Symbol ohnehin selbst verschuldet. In einem Video erklärt er, dass Bronchialkarzinome nicht in erster Linie auf Tabakkonsum zurückzuführen seien, sondern auf mangelnde Selbstverwirklichung der Erkrankten. Da das betroffene Organ die Lunge ist, liege offensichtlich ein Mangel im „Thema“ der Lunge, dem „Kommunikationsaustausch“ vor. Der Körper reagiere darauf ganz falsch mit Selbstzerstörung in Form von unkontrolliertem Zellwachstum, da man sich eigentlich nach spirituellem Wachstum sehne und dies nun der körperliche Ausdruck dessen sei. Wer man nun denkt, absurder geht es nicht mehr, wird von Dahlke eines besseren belehrt: Als nächstes Beispiel für seine krude Diagnostik führt er Krebsgeschwüre im Enddarm an. Die seien ein Zeichen dafür, dass „wir über Haben und Sein uns klarwerden. Da geht’s ums Loslassen von Materie. Das wäre so die Verbindung Verstopfung und Geiz.“ Und die Lösung: „Wir müssen lernen, unseren Besitz zu besitzen, statt besessen von ihm zu sein.“ Am Schluss des Videos empfiehlt der Pseudomediziner vegane Ernährung gegen Krebs.

„Vier Beine gut, zwei Beine schlecht“: Veganismus und Menschenhass

Verschwörungsideologien und falsche Kapitalismuskritik

Bezugnehmend auf das Vorangegangene: Das Prinzip ist dasselbe wie bei Verschwörungsideologien. Es gilt als erwiesen: Wer einer Verschwörungsideologie anhängt, der ist potentiell offener für weitere. Nach dem Muster: Sie vergiften unser Essen, dann vergiften sie auch unsere Luft/unser Wasser/füge beliebiges Stichwort ein.

Ken Jebsen brüllte bei einer Demonstration gegen Monsanto ins Mikro: „Ich war vorhin einkaufen – aber bei der LPG! Das ist Wahl! Ich unterstütze meinen lokalen Bauern. Ich habe mit dem Fleischkonsum aufgehört, ich esse keine Produkte mehr aus der Massentierhaltung. (…) Wenn du Biomilch haben willst, musst du rausgehen und Biomilch kaufen! (…) Hast du dein Konsumverhalten geändert? Ich habe es geändert, ich bin zum Vollveganer geworden, das habe ich getan!“

Hier geht es weder um Monsanto als Konzern noch um kulinarischen Verzicht aus Einsicht. Es geht auch nicht darum, ob „dein Einkaufszettel“ ein „Stimmzettel“ ist. Wer sich das gesamte Video ansieht, stellt fest, dass hinter der Konzern- und Konsumkritik völkisches Gedankengut und antisemitische Ressentiments stehen. Jebsen verweist nämlich eindringlich darauf, dass „die“ alles steuern und „uns“ betrügen und vergiften. Dass „die“ wieder mal hinter allem stecken, scheint nur konsequent, denn wer jahrhundertelang Brunnen vergiftet hat, bedient sich heutzutage selbstverständlich der Flugzeug- und Agrartechnik, um die deutsche Bevölkerung und ihre deutsche Luft und ihren deutschen Boden zu vergiften.

Über Ken Jebsen, der auch in veganen Kreisen regen Zuspruch findet, und seine antisemitischen Hasstiraden war im Blog des „Freitag“ einiges zu lesen, und wer sich den O-Ton der dort analysierten Rede anhören will, kann das hier tun.

Zu den größeren Zusammenhängen der modernen Verwertungsgesellschaft noch einmal Peter Bierl:

„Nun mag es gute Gründe für vegetarische Ernährung geben, die simple Rechnung, dass im Trikont niemand verhungert, sondern siebenmal mehr Nahrung zur Verfügung steht, offenbart Unkenntnis. So wie in den 30er Jahren mit Kaffee beheizt in Brasilien die Lokomotiven fuhren, werden bis heute zum Zweck der Kapitalverwertung pflanzliche Produkte, potentielle Nahrungsmittel, vernichtet.“

Was überhaupt produziert wird, ist ohnehin nebensächlich. Egal, ob Regenschirme, Maschinengewehre oder Rinderhack – Hauptsache, das Kapital vermehrt sich. In der Logik der kapitalistischen Verwertungsmaschinerie ist es folgerichtig, wie Buckler formuliert, dass „die Schäden, die am Menschen, der Natur und am Tier durch die Produktion angerichtet werden“, keine Rolle spielen. In diesem Zusammenhang wird „auch die offensichtliche Leidensfähigkeit der zu Biomaschinen degradierten Tiere (…) als lästiges Betriebsgeräusch ignoriert“.

Ins selbe Horn wie Jebsen bläst der reichsbürgernahe Sänger Xavier Naidoo in seinem Lied „Ich will leben“:

Eines Tages wird jeder behaupten, nicht geahnt zu haben, was hier vorging (…)

Solang mein Fleisch und Blut für euch ein Gut ist, sie uns essen, tragen, morden,
Und du denkst, dass ich nicht fühle, werd´ ich fühlen, wie es ist, dass du nicht denkst.
(Aber das weißt du doch längst.)

Ich will leben, ich will leben,
Mit allen Mitteln leben,
Gott weiß, ich will leben.

Dass ein „Migrationshintergrund“ nicht vor Menschenfeindlichkeit schützt, demonstrieren diese beiden Verschwörungsideologen.

Warum sind Veganer/innen offenbar in besonderem Maße offen für Pseudowissenschaft, Pseudomedizin und Verschwörungsdenken? Eine Erklärung kann lauten, dass Veganer/innen weniger Vertrauen in Medizin, Politik und Produzenten haben, die ihnen weismachen woll(t)en, dass Fleisch ein Stück Lebenskraft und Milch gut für die Knochen sei. Der Gedankengang geht so: Wenn dies eine Lüge ist, welche Lügen werden „uns“ von „denen“ noch aufgetischt? In einem nächsten Schritt informiert man sich „alternativ“ und bevorzugt im Internet, bei Facebook und Youtube, wo man sehr schnell in einer Echokammer landet und umgeben ist von lauter Lügen „von denen da oben“, für die man in der Kammer zahlreiche Beweise findet. Denn wer nach etwas ganz Bestimmtem sucht (merkwürdig viele Kondensstreifen und seltsame „unnatürliche“ Wolkenformationen am Himmel usw.), der findet es auch. Ein Verständnis von Korrelation und Kausalität ist nicht vonnöten, das würde es nur kompliziert machen. Und es geht ja gerade darum, einfache Erklärungen für abstrakte und/oder komplizierte Zusammenhänge zu finden.

Dem echten Skeptiker stehen dabei die Haare zu Berge und mit sachlichen Argumenten kommt er leider oftmals auch nicht weit, wie Michael Butter, Professor für Amerikanistik an der Uni Tübingen, gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ äußerte. Solche Argumente würden als „Desinformation der Elite“ gedeutet und würden „den Verschwörungsglauben eher festigen“. Denn: „Wer dem Anhänger einer Verschwörungstheorie Fakten präsentiert, die der Theorie widersprechen, greift damit dessen Identität an – und stärkt seinen Glauben an die Theorie noch eher.“ Argumentieren funktioniert in solchen Fällen demnach also nur auf der emotionalen Ebene – halleluja.

„Schlimmer als Auschwitz“: Der Holocaust-Vergleich

Das nicht belegbare, angeblich von Theodor W. Adorno stammende Zitat „Auschwitz fängt da an, wo einer im Schlachthof steht und sagt, es sind ja nur Tiere“ erfreut sich großer Beliebtheit in der Tierrechtsbewegung. Es ist vermutlich eine Verkürzung eines Textes aus den Minima Moralia:

„Die stets wieder begegnende Aussage, Wilde, Schwarze, Japaner glichen Tieren, etwa Affen, enthält bereits den Schlüssel zum Pogrom. Über dessen Möglichkeit wird entschieden in dem Augenblick, in dem das Auge eines tödlich verwundeten Tiers den Menschen trifft. Der Trotz, mit dem er diesen Blick von sich schiebt – ‚es ist ja bloß ein Tier’ -, wiederholt sich unaufhaltsam in den Grausamkeiten an Menschen, in denen die Täter das ‚Nur ein Tier’ immer wieder sich bestätigen müssen, weil sie es schon am Tier nie ganz glauben konnten. (…) Der Mord ist dann der Versuch, den Wahnsinn solcher falschen Wahrnehmung durch größeren Wahnsinn immer wieder in Vernunft zu verstellen: was nicht als Mensch gesehen wurde und doch Mensch ist, wird zum Ding gemacht, damit es durch keine Regung den manischen Blick mehr widerlegen kann.“

Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt am Main 1982, S. 133 f.

Adorno und andere Überlebende der Nazi-Herrschaft und des Holocaust müssen immer wieder dafür herhalten, dass, wenn doch selbst „der Jude“ die heutigen Tierfabriken mit den Konzentrationslagern der Nazis vergleiche, man dieses Recht selbstverständlich auch in Anspruch nehmen könne, ja geradezu müsse, um auf die außergewöhnliche Dimension des weltweiten Tierschlachtens hinzuweisen. Diese Leute wollen nicht sehen, dass ihr Vergleich gewaltig hinkt und sie damit, ob gewollt oder nicht, eine Verharmlosung der Shoa als einem Verbrechen unter vielen (und möglicherweise schlimmeren – „Sechs Millionen Juden – aber 60 Milliarden Tiere, jährlich!“) betreiben.

Zwei Beispiele von vielen: Im Februar 2017 verglich der Tierschutzverein Animal Peace auf seiner Facebook-Seite zum wiederholten Mal die Markierung von Rindern mittels eindeutig zuzuordnender Nummern auf ihren Ohrmarken mit dem Zwang für Jüdinnen und Juden, den gelben „Judenstern“ an der Kleidung zu tragen.

Und der Tierrechtler Helmut Kaplan verstieg sich zu der Aussage:

„Denn was hier geschieht, entspricht exakt dem Holocaust der Nazis. Um dies zu erkennen, braucht man sich nur Berichte über Menschenversuche in KZs und Berichte über heutige Tierversuche anzuschauen. Dann fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Die Parallelen sind lückenlos, die Berichte sind austauschbar. Alles, was die Nazis den Juden angetan haben, praktizieren wir heute mit Tieren!“

Helmut F. Kaplan, Tiere und Juden oder Die Kunst der Verdrängung

Woran es diesen Leuten eklatant mangelt, ist ein Bewusstsein davon, dass die Ideologie der Nazis die totale Vernichtung der Juden als Hauptzweck jeglicher politischen und sonstigen Handlung vorsah. Das erklärte Staatsziel des deutschen Rassestaates war die Ausrottung der Juden. Dass in den Konzentrationslagern auch Schuhe, Haare und Zahngold der Ermordeten eingesammelt wurden, war nur ein Nebenaspekt. Ebenso wie die Tatsache, dass viele Juden vor ihrer Ermordung als Arbeits- und Versuchsmaterial missbraucht wurden. Das Ziel lautete eindeutig: Vernichtung. Wenn auf dem Weg dahin noch etwas von wirtschaftlichem oder wissenschaftlichem Nutzen heraussprang – auch gut. Noch während der Kriegsanstrengungen und -entbehrungen, auch als der Zweite Weltkrieg bereits eindeutig verloren war für die Deutschen, gab es nichts Wichtigeres als noch möglichst viele Juden umzubringen, indem man sie auf Todesmärsche durch das ganze Land schickte, damit sie nicht von den heranrückenden alliierten Befreiern gerettet würden.

In den Tierfabriken und Schlachthäusern geht es aber nicht um die Vernichtung von Lebewesen, sondern um die Vermehrung von Kapital. Die Form ist blutig und hässlich, aber es ist eben nur die Form, in der sich das Kapital in diesem Fall akkumuliert. Als Grundlagentext empfiehlt sich der Essay über Nationalsozialismus und Antisemitismus von Moishe Postone, in dem er der Frage nach der „qualitativen Besonderheit“ des Holocaust nachgeht. Darin heißt es:

„Eine kapitalistische Fabrik ist ein Ort, an dem Wert produziert wird, der ’unglücklicherweise’ die Form der Produktion von Gütern annehmen muss. Das Konkrete wird als notwendiger Träger des Abstrakten produziert. Die Vernichtungslager waren demgegenüber keine entsetzliche Version einer solchen Fabrik, sondern müssen eher als ihre groteske arische ‘antikapitalistische’ Negation gesehen werden. Auschwitz war eine Fabrik zur ‘Vernichtung des Werts’, das heißt zur Vernichtung der Personifizierung des Abstrakten. Sie hatte die Organisation eines teuflischen industriellen Prozesses mit dem Ziel, das Konkrete vom Abstrakten zu ‘befreien’. Der erste Schritt dazu war die Entmenschlichung, das heißt die ‘Maske’ der Menschlichkeit wegzureißen und die Juden als das zu zeigen, was ‘sie wirklich sind’, Schatten, Ziffern, Abstraktionen. Der zweite Schritt war dann, diese Abstraktheit auszurotten, sie in Rauch zu verwandeln, jedoch auch zu versuchen, die letzten Reste des konkreten gegenständlichen ‘Gebrauchswerts’ abzuschöpfen: Kleider, Gold, Haare, Seife.“

Es gibt eine Kontinuität von Tierschutz und Antisemitismus. Paul Förster, während des Kaiserreichs Mitglied der antisemitischen Deutschsozialen Partei, verband seine Kritik an der „jüdischen Moderne“ mit einer Kritik an der Kultur des Fleischessens, an Tierversuchen und Impfungen. Auf Tierrechtsseiten wird folgendes Zitat von Förster rege und unkommentiert geteilt:

„Das Recht der Tiere ist von allen höheren Völkern und Menschen seit je anerkannt worden. Ihnen erwächst der Schutz des Tieres als sittliche Pflicht. Gerade die starken, die schaffenden Geister haben sich immer dazu bekannt, Menschen von klugem Rat und mutiger Tat, von warmem Gemüt: die Voll- und Edelmenschen.“

Die „starken, die schaffenden Geister“ sind selbstverständlich als Gegenpunkt zum „raffenden“ Juden zu lesen, der kein Voll- und Edelmensch sein kann, Rinder auf brutale Weise schächtet und das absolut Böse verkörpert.

Je nach Fragestellung outen sich etwa 30 Prozent der Deutschen als latent antisemitisch  – ist es dann überhaupt verwunderlich, wenn man in veganen Kreisen ebenfalls auf solche Denkmuster und Traditionen stößt?

Offen für alle(s) und Rechte für Tiere? Hauptsache für die Tiere!

In einer öffentlichen Diskussion über Querfrontbündnisse und Rechte auf veganen Demos äußerte sich der Vorsitzende der Veganen Gesellschaft Deutschland (VGD), Christian Vagedes: „Ihr könntet mit Nationalisten in der Querfront stehen, ich nicht, weil ich als Liberaler keine Querfront-Bündnisse eingehen oder fördern könnte.“

Jean Améry schrieb 1971 gegen einen solchen Wischiwaschi-Liberalismus, der für alle(s) offen ist, über die Grenzen liberaler Toleranz und warum Liberalismus Radikalität nötig hat:

„Außer der Freiheit und der Vernunft fühlt der Liberale sich auch der Toleranz verpflichtet. Denkt er sie zu Ende, muss er unweigerlich sich stoßen an dem Faktum, dass totale Toleranz nicht nur leer ist, sondern auch gefährlich (wenn auch nicht durchaus und immer repressiv). Sie ist formal, weil vor ihr Witz und Aberwitz, Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, Geist und Widergeist gleich gelten. Der traditionelle Liberale sah tolerant stets nur ‚Meinungen’, die er gemächlich respektierte: Er zog den Hut und machte sich davon in die cosy corner seines intellektuellen Komforts. Sie sind antiklerikal, verehrter Zeitgenosse? Sie sind kirchengläubig? Sie sind Schopenhauerianer? Antisemit? Ich respektiere Ihre Meinung: Da sehen Sie, meiner Toleranz sind keine Grenzen gesetzt, und dies ist der wahre Liberalismus.“

Sea Shepherd hat 2011 ein Schiff nach Brigitte Bardot benannt, das mit Mitteln ihrer Stiftung finanziert worden ist. Bardot, deren Ehemann Mitglied des Front National in Frankreich ist, wettert gerne öffentlich gegen „Überfremdung“ und befürchtet eine „Islamisierung“ Frankreichs. Mit solchen Leuten arbeitet man nicht zusammen, solchen Leuten verschafft man keine Reichweite, solchen Leuten verhilft man nicht zu einem positiven Image, und von solchen Leuten nimmt man kein Geld an. Wer es dennoch tut, entlarvt sich mindestens als Sympathisant von Menschenhassern, wenn er nicht gar selbst einer ist. Paul Watson, den diktatorischen Chef der Organisation, darf man getrost dazuzählen. Er plädiert für die radikale Reduzierung der Weltbevölkerung auf unter eine Milliarde, verteidigt sein biozentrisches Weltbild und findet an der Migration besonders verdammenswert, dass Flüchtlinge im Ankunftsland viel mehr Energie verbrauchen als in ihren unterentwickelten Herkunftsländern, damit der Umwelt schaden und es schon deshalb eine Obergrenze geben müsse.

Es ist keine Lösung, zu sagen, das sind eben keine „richtigen“ Veganer, die gehören nicht dazu. Sie bezeichnen sich als vegan und werben für Veganismus und erreichen damit vor allem über die sozialen Netzwerke viele Leute (Sea Shepherd etwa hat eine Million Follower bei Facebook, die VGD immerhin 100.000). Also muss man sich mit ihren Überzeugungen, Strategien und Verbindungen auseinandersetzen.

 

In der Süddeutschen Zeitung zählte neulich Jan Stremmel ein paar Beispiele dafür auf, wie Tierschützer über ihre „Feinde“ sprechen: „Ein Bericht über einen Bauern, der wegen illegaler Schlachtung verurteilt wurde? ‚Menschenmüll’. Ein Foto aus einem osteuropäischen Tiertransporter? ‚An den Eiern aufhängen, das Pack.’ Ein Video von einem Stierkampf? ‚Erschießen ist noch zu nett.’“ Auf den Facebook-Seiten von Animal Peace und Konsorten finden sich solche Kommentare zuhauf. Stremmels Fazit lautet entsprechend deutlich: „Die Grenze zu Islamhass oder Antisemitismus ist fließend.“

Jan Stremmel: Rechte für Tiere. Mit Blondi gegen Einwanderung, in: Süddeutsche Zeitung, 4.11.2017, S. 47.

Da das Tierrechtsthema kaum ohne die Erwähnung Peter Singers denkbar ist, der den Begriff Antispeziesismus geprägt hat, eine kurze Notiz zu den Schlussfolgerungen aus seiner Neubestimmung des Personenbegriffs: Höhere Säugetiere, etwa Hunde und Schimpansen, zählt er zu den „Personen“. Säuglinge mit Behinderung, Hühner und Fische sind für Singer „Nicht-Personen“. Bei dem Euthanasie-Befürworter treten nach Jobst Paul „an die Stelle von Schwarzen, Juden, Sklaven oder Ausländern (…) die ‚Nicht-Personen‘. Die Stelle des Ariers, des Weißen, des Aristokraten oder des Nationalisten nimmt die ‚Person‘ ein, eine Leerformel, der beliebige Inhalte zugedacht werden können.“ (zitiert nach: AK Gibraltar: Da steht ein Pferd aufm Flur. Warum Antispeziesismus kein harmloser Schlager ist, Flugblatt, Hannover 2008)

Über die Gleichzeitigkeit von Tierliebe und Menschenhass schrieben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in der Dialektik der Aufklärung: „Das lässige Streicheln über Kinderhaar und Tierfell heißt: die Hand hier kann vernichten. Sie tätschelt zärtlich das eine Opfer, bevor sie das andere niederschlägt.“

Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. 269 f.

Ein paar Lichtblicke

Veganismus müsste nach Gary L. Francione die „moral baseline“ einer befreiten Gesellschaft sein, aber dort dürfe der Kampf um Befreiung nicht aufhören. Ich würde es anders herum formulieren: Eine wahrhaft befreite Gesellschaft berücksichtigt selbstverständlich auch die Leidensfähigkeit nichtmenschlicher Tiere und nimmt diese in ethische Überlegungen und moralische Konzepte auf.

Die vegane Kabarettistin Gabriele Busse stellte auf ihrer Facebook-Seite klar: „Nein, nicht und niemals ‚Hauptsachte für die Tiere’. Es gilt immer zuerst: Hauptsache für das Leben. Hauptsache Respekt. Der fängt da an, wo es um Menschen geht. Wo Menschen diskriminiert werden, nur weil sie beispielsweise einer anderen Religion angehören, kann keine Befreiungsbewegung beginnen. Auch keine für Tiere.“

Colin Goldner vom Great Ape Project meint: „Ernstzunehmender Einsatz für die Befreiung der Tiere ist immer auch Einsatz für eine herrschaftsfreie Gesellschaft.“

Und Christian Adam von den Tierrettern aus Münster: „Es ist immens wichtig, dass Faschos, Rechten, Rechtspopulisten, Antisemiten, besorgten Bürgern … in der Bewegung kein Platz geboten wird. Tierrechte funktionieren nur mit Menschenrechten. Wie können wir Respekt und Gleichberechtigung für Tiere fordern und gleichzeitig Menschen aufgrund von Religion, Hautfarbe, Geschlecht oder sexueller Identität herabwürdigen?“

Buckler kommt zu dem Schluss:

„Einem reflektierten, linksradikalen – also politischen – Veganismus kann es nur um die gleichzeitige Befreiung von Mensch und Tier aus der Verwertungslogik gehen. Im Hinblick auf das Anfangs erwähnte Beispiel des Sexen bedeutet dies: Kein Tier soll mehr gesexed und verarbeitet werden, und kein Mensch soll mehr so einen elendig, stupiden Fließband-Sexer-Job machen müssen. Die sozialrevolutionäre Emanzipation des Menschen und die Befreiung der Tiere sind nicht dasselbe und dürfen nicht verwechselt werden. Das eine bedingt leider nicht das andere. Beides sind logische Folgerungen aus demselben Grundgedanken und dem Aufbegehren gegen dieselbe gesellschaftliche Struktur. Ihr gemeinsamer axiomatischer Ausgangspunkt ist die Idee der Abschaffung von Fremdbestimmung, Ausbeutung und jedwedem unnötigen Leiden.“

Diese Handvoll reflektierter Aktivistinnen und Aktivisten und Befürworter des Veganismus verschwindet zunehmend im Einheitsgeblöke der Gleichmacher/innen und der Hauptsache-für-die-Tiere-Fraktion.

Ende des Veganismus?

Was tun? Ist der Veganismus noch zu retten? Und wenn ja, muss er vor sich selbst oder vor den Veganer/innen gerettet werden? Kann Veganismus neu gedacht werden? Und wenn ja, wie? Ist eine Lösung des Problems möglich, und wenn ja, welche Lösungsansätze sind denkbar und umsetzbar? – Etwa der konsequente Ausschluss von Rechten von Demonstrationen, aus Online-Foren etc. plus Aufklärung über die Problematik. Aber: Wenn diese Demos, Gruppen usw. von rechten oder nach rechts hin weit offenen Personen organisiert werden, wie soll das realistisch umgesetzt werden? Der Weg zu einem aufgeklärten Veganismus dürfte mindestens steinig und sehr lang sein.

Literaturhinweise

AK Gibraltar: Da steht ein Pferd aufm Flur. Warum Antispeziesismus kein harmloser Schlager ist, Flugblatt, Hannover 2008, http://gibraltar.blogsport.de/2008/07/24/ada-steht-ein-pferd-aufm-flura-warum-antispeziesismus-kein-harmloser-schlager-ist/#fn1216907038978

Jesse-Björn Buckler: Go vegan! Ein Plädoyer für einen linksradikalen Veganismus, in: Jungle World 2008/38, https://jungle.world/artikel/2008/38/23466.html.

Colin Goldner: Der braune Rand der Tierrechtsbewegung, in: Der Rechte Rand 108, September/Oktober 2007, S. 21 f., http://alfred.blogsport.de/texte/der-braune-rand-der-tierrechtsbewegung/ (Langfassung: http://www.tvg-saar-vegan.de/literatur/colin-goldner/nazis-und-tierrechte/).

Mira Landwehr: „Hühner-KZs“ und das „Auschwitz der Tiere“. Die Frage nach der Legitimität des Holocaust-Vergleichs, https://aufdemnachttisch.wordpress.com/2016/12/23/huehner-kzs-und-das-auschwitz-der-tiere-die-frage-nach-der-legitimitaet-des-holocaust-vergleichs.

Mira Landwehr: Kann Spuren von Empathie enthalten, in: konkret 2/2017, S. 50 ff., http://www.konkret-magazin.de/aktuelles/aus-aktuellem-anlass/aus-aktuellem-anlass-beitrag/items/kann-spuren-von-empathie-enthalten.html.

Andreas Speit: Liebe Tiere, böse Juden, in: Jungle World 2008/43, https://jungle.world/artikel/2008/43/liebe-tiere-boese-juden.

Oliver Tolmein: Peter Singer: Affenfreund, Behindertenfeind und ein Ethik-Preis, in: FAZ Blogs, 27.5.2011, http://blogs.faz.net/biopolitik/2011/05/27/der-freund-dem-behinderte-zu-viel-kosten-peter-singer-und-die-humanisten-185/.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s